Ich konnte damals nicht viel in Erfahrung bringen. Ich wusste jetzt, dass in Braunschweig ein Atomkraftwerk stand. Aber mein Informant war nicht sehr gesprächig. Nur ein kleiner Forschungsreaktor. Rumerzählen sollte ich davon nicht. Man war bemüht, es nicht an die große Glocke zu hängen. Warum die Leute beunruhigen? Wie gesagt, nur ein kleines Ding. Ich solle es mir keinesfalls wie ein "richtiges" Atomkraftwerk vorstellen. Die Radioaktivität konnte nicht so hoch werden. Die Betonwände waren schon dicker als üblich, aber man sah dem Gebäude den Inhalt nicht an. Von außen war das Reaktorgebäude keinesfalls als solches zu erkennen. Aber selbst wenn: Unbefugte und Neugierige kamen da sowieso nicht hin. Das Gelände der PTB, auf dem der Reaktor stand, war – wenn auch deutlich innerhalb der Stadtgrenze liegend – weitläufig und gut gesichert. Zugang nur mit Genehmigung. Nein, Fotos oder Zeichnungen würde ich mit Sicherheit nicht bekommen.
Ein Reaktor mitten in unserer Stadt.
Und kaum jemand wusste davon.
Ich hatte Ende der 1980er Jahre davon erfahren. Und war überrascht – wie andere, die ich danach befragte. Nicht nur überrascht, dass ein Reaktor in unserer Stadt und relativ nahe an Wohngebieten betrieben wurde. Auch überrascht, wie wenig bekannt dies war. Und der Reaktor war damals schon 20 Jahre in Betrieb, wie ich später erfuhr. Inzwischen ist auf einer eigenen Wikipedia-Seite und auch auf der Website der PTB die Betriebszeit des Reaktors, die 1995 endete, nachzulesen. 2011 sah ich erstmals ein Foto des Reaktorgebäudes, als die Braunschweiger Zeitung nach der Katastrophe in Fukushima über den Rückbau des Reaktors berichtete. Zufällig hatte ich wenig später die Gelegenheit, mich für ein paar Minuten im ehemaligen Reaktorgebäude aufzuhalten. Als Hinweis auf die Tage des Reaktors wurde beim Umbau des Kontrollraums, dort wo die Brennstäbe in den Reaktorkern gefahren wurden, eine kreisrunde Aussparung in den Fußboden eingelassen mit einem Gitter bedeckt; darunter sind blaue Lampen angebracht. Es sieht ein wenig nach Schwimmbad-Beleuchtung aus, soll aber an die Tscherenkow-Strahlung erinnern.
Ein Opfer pro Tag beschreibt eine tödliche Gefahr mitten unter uns, die nicht wahrgenommen wird.
Wovon es viele gibt. Der PTB-Forschungsreaktor war dies (höchstwahrscheinlich) nie.